Schweiz und Europa stehen vor einem entscheidenden Wendepunkt: Die Energiewende muss nicht nur klimafreundlich, sondern auch wirtschaftlich tragfähig sein. Wasserstoff spielt dabei eine zentrale Rolle – nicht nur als Ersatz für fossile Brennstoffe, sondern als flexibles, dezentral nutzbares Energieträgerkonzept. Doch wie gelingt die Umsetzung in einem Land mit starkem Fokus auf erneuerbare Energien und hohem Energiebedarf? Die Schweiz hat bereits Vorreiterprojekte, doch die Skalierung bleibt eine Herausforderung.
Grüne Wasserstoffstrategien: Wo steht die Schweiz?
Seit 2021 fördert das Bundesamt für Energie (BFE) das Projekt „Swiss Hydrogen“, das bis 2030 eine Pilotanlage für grüne Wasserstoffproduktion in der Region Basel aufbaut. Ziel ist es, bis zu 100 Megawatt Leistung zu erreichen – genug, um jährlich rund 10.000 Tonnen Wasserstoff für die Industrie zu produzieren. Besonders spannend ist das Konzept, Wasserstoff aus Schweizer Wasserkraft zu gewinnen, die bereits heute über 50 Prozent des Strombedarfs deckt. Allerdings bleibt die Frage offen, wie der Wasserstoff effizient in die bestehende Infrastruktur integriert werden kann, wo bisher vor allem Gas und Strom dominieren.
Ein weiteres Beispiel ist das „Hydrogen Valley“-Projekt in der Region Zug, das seit 2022 eine Wasserstoff-Hub-Anlage plant. Hier wird Wasserstoff aus lokalen Wind- und Solaranlagen genutzt, um die chemische Industrie zu versorgen. Kritiker warnen jedoch vor einer möglichen Überlastung der Stromnetze, falls zu viele Projekte gleichzeitig starten. Die Schweiz muss daher klare Prioritäten setzen – etwa in der Forschung zu Elektrolyseuren oder in der Entwicklung von Speichertechnologien.
Herausforderungen: Kosten, Infrastruktur und Akzeptanz
Der größte Hemmschuh bleibt die Kosten: Grüner Wasserstoff ist heute noch etwa das Doppelte teurer als grauer Wasserstoff aus Gas. Doch die Preise sinken rasant. Laut einer Studie des Fraunhofer-Instituts könnten sie bis 2030 auf unter 3 Euro pro Kilogramm fallen – ähnlich wie bei Erdgas. Entscheidend wird sein, ob die Schweiz in der Lage ist, die notwendige Infrastruktur zu bauen: Pipelines, Tankstellen für LKWs und Schiffe sowie eine neue Logistik für den Transport von Wasserstoff aus dem Alpenraum.
Ein weiteres Problem ist die Akzeptanz: Viele Gemeinden lehnen Wasserstoffprojekte aus Sorge um Bodenversiegelung oder Lärm ab. Besonders in ländlichen Regionen, wo die Energiewende oft als „Industriezuzug“ wahrgenommen wird, gibt es Widerstand. Hier braucht es transparente Aufklärung – etwa durch Bürgerforen oder partizipative Planungsprozesse. Gleichzeitig muss die Schweiz ihre internationalen Partnerschaften nutzen, etwa mit Deutschland oder den Niederlanden, um gemeinsam Wasserstoffkorridore zu schaffen.
- Die Schweiz investiert seit 2021 rund 100 Millionen Franken in grüne Wasserstoffprojekte.
- Bis 2030 sollen mindestens 5 Gigawatt Elektrolysekapazität entstehen – aktuell liegt sie bei unter 1 GW.
- Der Schweizer Wasserstoffmarkt könnte bis 2040 einen Umsatz von über 10 Milliarden Franken generieren.
- Laut BFE wird grüner Wasserstoff bis 2035 in der Schwerindustrie und im Verkehr eingesetzt.
- Die Schweiz ist die erste Nation, die Wasserstoff als nationalen Energieträger in ihre Strategie aufgenommen hat.
Die Rolle der Industrie: Zwischen Innovation und Risiko
Die Schweizer Chemieindustrie, mit Unternehmen wie Novartis oder BASF, ist ein zentraler Akteur. Sie sieht Wasserstoff als Chance, CO₂-neutrale Produktion zu ermöglichen – etwa für die Herstellung von Ammoniak oder Kunststoffen. Allerdings gibt es auch Risiken: Wenn die Schweiz zu spät startet, könnten andere Länder wie die Niederlande oder Deutschland Wasserstoff-Hubs bauen und die Märkte dominieren. Die Schweiz muss daher ihre Wettbewerbsfähigkeit sichern, etwa durch Subventionen für Forschung oder durch die Förderung lokaler Wasserstoffprojekte.
Ein spannendes Modell ist das „Hydrogen Hub“ in der Region Aargau, wo lokale Unternehmen wie ABB oder Sulzer zusammenarbeiten, um Wasserstoff für die Energieversorgung zu nutzen. Hier wird getestet, wie Wasserstoff in Kombination mit Batteriespeichern und erneuerbarem Strom funktioniert. Langfristig könnte dies ein Vorbild für ganz Europa werden – doch nur wenn die Politik die Rahmenbedingungen stimmt.
Zum artikel zum artikel mehr über die aktuellen Wasserstoff-Initiativen in der Schweiz und ihre Auswirkungen auf die Energiewende.