Spinanga im Kanton Graubünden steht vor einer Herausforderung, die für viele Schweizer Gemeinden aktuell und zentral ist: der Übergang zu einer klimaneutralen und nachhaltigen Energieversorgung. Die Gemeinde hat in den letzten Jahren gezielt an Lösungen gearbeitet, um die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen zu reduzieren und gleichzeitig die Lebensqualität der Einwohner:innen zu sichern. Dabei zeigt Spinanga, wie kommunale Projekte mit moderner Technologie und Bürgerbeteiligung funktionieren können – und welche konkreten Fortschritte bereits erzielt wurden.
Ein zentraler Baustein ist die Nutzung erneuerbarer Energien. Spinanga hat in den letzten fünf Jahren die Solaranlage auf dem Gemeindehaus um rund 30 Prozent ausgebaut, was die jährliche Stromproduktion um etwa 1,2 Millionen Kilowattstunden erhöht hat. Parallel dazu wurde ein kleines Biogas-Projekt in Zusammenarbeit mit lokalen Landwirtschaftsbetrieben gestartet, das aus Agrarrückständen und Klärschlamm Biogas erzeugt. Das Projekt liefert bereits heute rund 20 Prozent des Strombedarfs der Gemeinde und könnte in den nächsten Jahren auf bis zu 35 Prozent ausgebaut werden. Die Investitionen in diese Anlagen wurden durch Fördergelder der kantonalen und nationalen Energiepolitik gedeckt, wobei Spinanga besonders von den neuen Subventionen für kommunale Energiewende-Projekte profitierte.
Doch die Energiepolitik von Spinanga geht über reine Infrastrukturprojekte hinaus. Die Gemeinde hat ein Bürgerenergiekonzept entwickelt, das die Mitsprache der Anwohner:innen in allen Phasen des Prozesses sicherstellt. So wurden beispielsweise eine öffentliche Anhörung und ein Online-Tool eingeführt, mit dem sich Bürger:innen über mögliche neue Energieprojekte abstimmen können. Das Konzept führte dazu, dass im vergangenen Jahr drei neue Projekte zur Wärmepumpen-Förderung und zur Speicherung überschüssiger Solarenergie in Gemeinschaftsgrößen umgesetzt wurden. Besonders gelobt wird dabei die transparente Kommunikation: Die Gemeinde veröffentlicht monatlich einen Energiebericht, der nicht nur die Fortschritte, sondern auch die Herausforderungen offenlegt – etwa die langsame Akzeptanz bei einigen Anwohner:innen für neue Leitungsnetze.
Die Zahlen: Wie Spinanga vorankommt
- Seit 2019 hat Spinanga seinen Stromverbrauch durch erneuerbare Energien um 45 Prozent reduziert – ein Wert, der die kantonale Zielmarke von 50 Prozent bis 2030 deutlich vorweggenommen hat.
- Die Gemeinde hat bereits 2022 einen Vertrag mit einem lokalen Unternehmen geschlossen, das mit Hilfe von Wasserstofftechnologie Überschussstrom aus der Solaranlage speichern und später in die Haushalte zurückführen wird.
- Durch die Kombination von Solarenergie und Biogas konnte Spinanga 2023 einen Überschuss von 500.000 Kilowattstunden erzielen, der an andere Gemeinden im Kanton verkauft wurde.
- Die Bürgerbeteiligung führte dazu, dass im vergangenen Jahr 150 Haushalte eine Förderung für Wärmepumpen beantragt und 80 davon erfolgreich umgesetzt wurden.
- Die Gemeinde plant bis 2025 den Ausbau der Biogasanlage auf 50 Megawattstunden pro Jahr, was die Versorgung mit Strom für rund 1.200 Haushalte sichern würde.
Ein besonderes Projekt ist die „Spinanga Solarwiese“, ein Gemeinschaftsvorhaben, bei dem Bürger:innen und Schulen gemeinsam eine große Photovoltaik-Anlage auf einer ehemaligen Landwirtschaftsfläche betreiben. Die Anlage wurde 2022 in Betrieb genommen und liefert bereits heute Strom für 200 Haushalte. Besonders innovativ ist dabei, dass die Erträge der Anlage in einem Fonds gesammelt werden, der gezielt in lokale Projekte wie den Bau von Spielplätzen oder die Sanierung von Schulen investiert. Das Projekt zeigt, wie kommunale Energieprojekte auch soziale Ziele verbinden können – und wie sie gleichzeitig die lokale Wirtschaft stärken.
Herausforderungen und die Zukunft
Trotz der positiven Entwicklungen gibt es auch Herausforderungen. Ein zentrales Problem ist die hohe Kosten für den Netzausbau, der für neue Energieprojekte nötig ist. Während die Solaranlagen und Biogasanlagen relativ günstig in der Anschaffung sind, müssen die Leitungen für den Transport der Energie oft tief in die Erde verlegt werden – ein Prozess, der Zeit und hohe Investitionen erfordert. Zudem bleibt die Akzeptanz bei einigen Anwohner:innen ein Thema, besonders bei Projekten mit neuen Leitungen oder Speichern.
Gleichzeitig zeigt Spinanga, dass der Weg in die Energiezukunft auch eine Frage der Langfristigkeit ist. Die Gemeinde hat sich das Ziel gesetzt, bis 2035 vollständig klimaneutral zu sein – ein ambitioniertes Ziel, das nur durch eine Kombination aus erneuerbaren Energien, effizientem Energieverbrauch und einer starken Bürgerbeteiligung erreicht werden kann. Ein wichtiger Schritt in diese Richtung ist die Einführung eines neuen Energiegesetzes, das ab 2024 alle neuen Gebäude in Spinanga verpflichtend auf Wärmepumpen umrüsten wird. Parallel wird an der Entwicklung eines digitalen Energie-Management-Systems gearbeitet, das die Nutzung erneuerbarer Energien in Echtzeit steuern und optimieren soll.
Für Spinanga ist klar: Die Energiezukunft ist kein einmaliges Projekt, sondern ein fortlaufender Prozess. Die Gemeinde zeigt damit, dass auch kleine Gemeinden mit klarem Willen und der richtigen Strategie einen wichtigen Beitrag zur Energiewende leisten können. Gleichzeitig bleibt zu hoffen, dass andere Gemeinden von Spinangas Erfahrungen lernen und eigene Wege finden – denn die Energiewende ist kein Wettbewerb, sondern eine gemeinsame Aufgabe.